Was machen Linguisten eigentlich?

Was machen Linguisten eigentlich?

Es gibt Leute, die wissen was sie wollen. Dazu gehören die meisten, mich mit eingeschlossen. Dann gibt es noch die Leute, die wissen was sie wollen und auch wissen, wo sie das herbekommen. Zu der Kategorie gehöre ich auch noch. Und dann gibt es noch diejenigen, die wissen was sie wollen und die auch wissen, was das, was sie wollen überhaupt ist. In dieser Liga spiele ich nicht mehr mit. Oder zumindest war das der Fall meines 19-jähriges prä-Studium Ichs.

Zu einem gewissen Zeitpunkt habe ich einfach mal beschlossen, unbedingt Linguistik studieren zu wollen. Und ich glaubte auch zu wissen, was mich erwarten würde. Ausschlaggebend war ein Typ, den ich ziemlich cool fand. Besonders faszinierend fand ich seine Sprachbegabung. Man hörte ihm seine amerikanischen Wurzeln kaum an, in italienischen Restaurants bestellte er auch auf Italienisch, ähnlich war es mit Spanisch, konnte ein bisschen Norwegisch und machte dann für seine Arbeit einen Tschechisch Kurs nebenbei. In Summe spricht er, wenn ich mich recht erinnere, sechs Sprachen. Ich fand das unglaublich cool und so beschloss ich, dass ich auch einmal viele Sprachen sprechen möchte. Nun war es aber so, dass mich der Französisch Unterricht in der Schule schon ziemlich mitgenommen hatte und es mich viel Anstrengung kostete, da etwas weiter zu bringen. Ich dachte mir: „Naja, wird wohl einfach an der Lernmethode liegen, da gibt’s sicher auch effizientere Ansätze“. Und wo, dachte ich, würde man diese effizienteren Methoden lernen? Richtig – im Linguistik Studium. Ich ging also zur Uni Wien, inskribierte mich für das Sprachwissenschafts-Studium und stellte sehr schnell fest, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich da reingeraten war. Nun gut, die Sprachlehr/-lernforschung ist schon ein Teil des Studiums. Aber verhältnismäßig unterrepräsentiert und auch nicht ganz das, was man sich darunter vorstellt…. Nichtsdestotrotz fand ich recht schnell Gefallen daran und, retrospektiv betrachtet, bereue ich es keineswegs, diesen Weg gewählt zu haben (auch wenn ich mir das, was ich eigentlich lernen wollte selbst beibringen musste und nach Jahren des Studiums immer noch nicht genau sagen kann, was ich da eigentlich studiere…)

Do linguists study languages or language?
Eine problematische Grundfragestellung

Hier also ein kleiner Überblick, was die Linguistik so alles umfasst

Damit es euch nicht genauso geht wie mir damals, möchte ich euch hier eine kleine Einführung darin geben, was die Sprachwissenschaft eigentlich macht, beziehungsweise was mit ihr alles machbar ist. Ich gebe einen kleinen Überblick, in welche Subdisziplinen die Linguistik gemeinhin eingeteilt wird und was diese so machen den lieben langen Tag lang.

Damit das ganze auch Hand und Fuß hat, werde ich zunächst den Inhalt beziehungsweise den Aufbau eines Buches durchgehen, das ich für sehr repräsentativ halte. Gegen Ende hin schauen wir uns dann an, in welche Grundpfeiler die SpraWi in Wien das Studium unterteilt.

Dazu möchte ich hier ein Zitat zum Besten geben, dass es meiner Meinung nach ganz gut auf den Punkt bringt:

„Linguistik ist die Wissenschaft von Sprache und Sprachen. Sie thematisiert Sprache und Sprachen theoretisch, empirisch und anwendungsbezogen, aber nicht nur als abstrakte Systeme, […] sondern auch den Gebrauch, […] den Wandel, […] die Schwierigkeiten, die wir mit ihnen haben […]“
– Finke, 2002, p.33

Dieses Zitat leitet gleich das Buch ein, dass ich hierfür herangezogen habe: „Arbeitsbuch Linguistik“ von Horst M. Müller (Hrsg.). Es ist schon etwas älter, nämlich aus dem Jahre 2002, ist aber dennoch ein wunderbares Nachschlagewerk und eine tolle Einführung! Es beginnt mit den einführenden Thematisierungen von Sprache und Linguistik, geht dann aber schnell in die einzelnen Subdisziplinen über.

Beschreibungsebenen der Linguistik

Zunächst gibt es einmal die Beschreibungsebenen in der Linguistik, das heißt, die systematische Beschreibung verschiedener Bausteine von Sprache. Auf der Lautlichen Ebene wären das die Phonetik und Phonologie. Erstere beschäftigt sich damit, wie sprachliche Laute produziert (artikulatorische Phonetik), übertragen (akustische Phonetik) und empfangen (auditive Phonetik) werden. Das ist also ein spannender Teil der Linguistik, der sich mit den Bereichen der Anatomie und Physik überschneidet. Die Phonologie wiederum beschäftigt sich mit Lautsystemen von Sprachen. Diesen Disziplinen haben wir beispielsweise das IPA System zum Beschreiben von Lauten zu verdanken (siehe auch mein Blog-Eintrag darüber).

Geht man in der Größenordnung einen Schritt weiter, kommt man von einzelnen Lauten zu einzelnen Wörtern. Das ist das Gebiet der Morphologie. MorphologInnen beschäftigen sich mit der Struktur von Wörtern und mit der Stellung von Morphologie in verschiedenen Sprachsystemen und leisten daher auch einen wichtigen Beitrag zur Identifizierung von Sprachsystemen. So weisen isolierende Sprachen kaum bis wenig Flexion auf und drücken grammatische Merkmale anhand der Satzstellung aus. Mandarin Chinesisch wäre eine solche. Synthetische Sprachen wiederum markieren grammatische Eigenschaften am Wort selbst. Deutsch zum Beispiel ist eine flektierende Sprache, Ungarisch eine agglutinierende.

Hat man identifiziert, was die Wörter einer Sprache sind und was diese ausmacht, kann man sich fragen, wie es in weiterer Folge mit ihrer Position im Satz aussieht. Hier sind wir bei der Syntax angekommen. SyntaktikerInnen analysieren, welche Wortstellungen in einer Sprache möglich sind und wovon das abhängt. Damit einher geht auch die Forschung der Prosodie, die sich damit befasst, wie Betonungen und Akzentuierungen realisiert werden und in welche Segmente gesprochen Sätze beim sprechen unterteilt werden.

Soweit so gut. Das waren jetzt allesamt formale Aspekte der Analyse von Sprache. Möchte man sich mehr mit der Bedeutung von Wörtern und Äußerungen befassen, beschäftigt man sich mit dem Gebiet der Semantik. Hier geht es darum, Kategorien und Beziehungen von Bedeutungen zu identifizieren, komplexe Ausdrücke zu entschlüsseln und zu verstehen. Das klingt recht trivial und manch einer denkt sich vielleicht: „naja, eine Katze ist eine Katze und ein Baum ist ein Baum und wenn ich sage ‚die Katze klettert auf den Baum‘ weiß jeder, was gemeint ist…“. Ja, ganz richtig. Aber wie sieht es zum Beispiel mit Partikeln wie „eh“, „heast“, „geh“ und dergleichen aus?

Sprachentwicklung

Wir haben’s nun zum nächsten großen Themengebiet der Sprachwissenschaft geschafft, der Entwicklung der Sprache. Dieses Gebiet umfasst zum einen Aspekte, die mit den vorhin genannten Beschreibungsebenen einhergehen, nämlich Sprachwandelsphänomene und die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft. Untersucht wird, wie sich Sprachen im Laufe der Zeit verändern und verändert haben. So versucht man, gewisse allgemeine Tendenzen und Systematiken des Sprachwandels zu identifizieren, die in weiterer Folge dabei helfen, tote Sprachen zu rekonstruieren, von denen es keine schriftlichen Überlieferungen mehr gibt. In weiterer Folge versucht man so, sich Sprache für Sprache zu einer Ursprache vorzuarbeiten, von der aus sich alle Sprachen (einer Sprachfamilie) zu den heutigen Sprachen entwickelt haben.

Nimmt man ein bisschen Abstand von diesen eher formalen Herangehensweisen, so kann man auch historische Sprachwissenschaft vom Standpunkt der Biologie betreiben, Sprachevolution also. In dem Fall würde man sich fragen, was passiert ist beziehungsweise passieren musste, damit die Vorgänger des Homo Sapiens überhaupt in der Lage waren zu sprechen. Hierfür werden Kommunikationssysteme von Tieren erforscht, anatomische Voraussetzungen des Artikulationsapparates sowie kognitive Mindestansprüche für das Erlernen einer Sprache identifiziert und auch im Bereich der Genetik wird untersucht, ob es eine Art Sprachgen gibt, das es dem Menschen erst ermöglichte, seine sprachlichen Fähigkeiten zu entwickeln.

Wenn man den Rahmen etwas verkleinert und sich die sprachliche Entwicklung nicht evolutionär ansieht, sondern innerhalb einer Generation beobachtet, ist man beim Spracherwerb, einem spannenden Feld zwischen Psychologie, Biologie, Medizin und eben auch formalen Analysen der Linguistik. Untersucht wird hier, wie ein Kind Sprache erlernt, welche Voraussetzungen es gibt und welche Hindernisse. Was die Entwicklung des Kindes betrifft, muss zunächst einmal die Feinmotorik weit genug fortgeschritten sein, dass der Artikulationsapparat überhaupt die nötigen Bewegungen adäquat durchführen kann. Aber auch die kognitiven Fähigkeiten müssen weit genug fortgeschritten sein, dass das Kind die sprachliche Umgebung analysieren und für den eigenen Sprachgebrauch umsetzen kann. Darüber hinaus spielt natürlich auch das Umfeld eines Kindes eine maßgebliche Rolle. Es gibt interessante Forschung zum Einfluss des SES, des sozio-ökonomischen Statuses auf die Sprachentwicklung von Kindern. Andere Forscher haben beobachtet, dass die Quantität des sprachlichen Inputs des Kindes dessen spätere Entwicklung beeinflusst und dann ist da natürlich noch das riesige Gebiet der Mehrsprachigkeitsforschung. Wie unterscheiden sich bi-/multilinguale Kinder von monolingualen beim Spracherwerb und in der kognitiven Entwicklung, prozessieren sie Sprache unterschiedlich,…?

Sprache und Kommunikation

Nachdem man sich angeschaut hat, wie Kinder zu profunden Sprechern werden, kann man sich auch anschauen, wie sie ihre Sprachkenntnisse dazu nutzen, um zu kommunizieren. Diese Herangehensweise an die Erforschung von Sprache umfasst Bereiche wie Pragmatik und Konversationsanalyse. Diese befassen sich damit, wie mit Sprache gehandelt wird, aus welchen Beweggründen heraus Sprache verwendet wird und wie sie unter SprecherInnen koordiniert wird. Sprache als Handlung sind (im Normalfall institutionalisierte und ritualisierte) Prozesse, die über sprachliche Äußerungen Änderungen bei den Realitäten der Beteiligten verursachen. Klassische Beispiele sind Gerichtsurteile, Hochzeiten oder Taufen. Die Pragmatik beleuchtet den sprachlichen Usus aber auch als eine Art Kooperation der Beteiligten, die koordiniert werden und Erwartungen erfüllen muss, ein gewisses Ziel verfolgt und gewissen Probleme haben kann. Die Konversationsanalyse geht hierbei etwas mehr ins Detail und schaut sich an, wie einzelne Konversationen aufgebaut sind, welche Dynamik sie aufweisen und wie die Rollen der KonversationsteilnehmerInnen aufgeteilt sind.

Empirische Methoden der Sprachwissenschaft

Nun wenden wir uns ein bisschen den Methoden zu, die in der Sprachwissenschaft angewandt werden, um neue Erkenntnisse zu gewissen. Klar, man nimmt sich Beispiele her und analysiert sie. Alte Texte auf Latein oder Griechisch um grammatische Kategorien zu identifizieren, Fernsehinterviews um zu beobachten, welche Strategien die Teilnehmer anwenden, um das Wort an sich zu reißen, usw… Doch oft ist es nicht ganz so leicht. Was ist mit Sprachen, die noch nie zuvor aufgezeichnet wurden? In so einem Fall muss man Feldforschung betreiben, in die Untiefen des Regenwaldes vordringen und mit einem indigenen Stamm, der die jeweilige Sprache spricht leben, um die Sprache lernen und aufzeichnen zu können. Was, wenn es darum geht, die sprachliche Entwicklung zwischen Kindern an Privatschulen mit derjenigen von Kindern öffentlicher Schulen zu dokumentieren? Je nach Forschungsfrage bleibt der/m passionierten Linguistin/Linguisten oftmals nichts anderes übrig, als Feldforschung zu betreiben.

Und auch, wenn man sich mit niedergeschriebenen Texten auseinander setzt, so gibt es einiges zu bedenken, bevor man feuchtfröhlich darauf los analysieren kann. Mit der Frage, wie man Textquellen am besten aufarbeitet und für linguistische Analysen verwertbar macht, befasst sich die Korpuslinguistik. Mit Hilfe ihrer Tricks und Techniken kann man mit Hilfe eines Computers und der passenden Programme in kurzer Zeit große Mengen an Daten bearbeiten und Forschungsfragen aus allen Teilgebieten der Sprachwissenschaft beantworten. Man kann Sprecherwechsel-Dynamiken herausarbeiten, morphosyntaktische Merkmale markieren, semantische Kategorien quantifizieren usw… einfach Fabelhaft! Mithilfe korpuslinguistischer Methoden konnte man beispielsweise auch herausfinden, dass psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen oder Schizophrenie ganz eigene Spuren im Sprachverhalten hinterlassen, die selbst für erfahrenste ForscherInnen kaum erkennbar sind ohne korpuslinguistische Methoden.

Nun zu zwei weiteren Disziplinen der empirisch-experimentell arbeitenden Linguistik, an denen ich persönlich besonders großen Gefallen finde, der Psycho– und Neurolinguistik. Wie die Namen schon sagen sind das die Schnittstellen zwischen Psychologie, Neurologie und Sprachwissenschaft. Untersucht wird alles, was irgendwie mit der Verarbeitung und Prozessierung von Sprache zu tun hat. An und für sich sind es zwei eigene Disziplinen, die man wunderbar alleine betreiben, aber noch viel wunderbarer miteinander verbinden kann. Stellen wir uns zum Beispiel vor, wir wollen wissen, wie das mentale Lexikon, also der „Speicherort von Wörtern“ im Geist bzw. Gehirn mehrsprachiger im Vergleich zu einsprachigen Menschen aufgebaut ist. Hierzu entwerfen wir ein ausgetüfteltes Experiment, erarbeiten uns mühselig seitenweise Stimulusmaterial und akquirieren zahlreiche Probanden, die an dem Experiment teilnehmen. Das Studie ist fertig, alle Teilnehmer haben das Experiment beendet und wir haben Unmengen an Daten über Reaktionszeiten, Diskriminierung und/oder Präferierung von Stimuluskategorien, und so weiter und so fort. Wir haben behaviorale Daten gesammelt, also das Verhalten, die Reaktionen der Probanden aufgezeichnet, was Rückschlüsse auf die internen Mechanismen ziehen lässt. So können wir uns ein Bild von der sprachlichen Verarbeitung im menschlichen Geist machen. Und jetzt stellen wir uns vor, wir sind in der glücklichen Lage, ein top ausgestattetes neurologisches Labor zu besitzen, EEG, MRT, MEG, Eye-tracking, NIRS, einfach alles was das Herz begehrt! Nun führen wir das gleiche Experiment nochmal durch und kombinieren es mit den bildgebenden Verfahren. Jetzt können wir nicht nur auf dem Verhalten basierende Rückschlüsse ziehen, sondern auch einen Blick in das Gehirn werfen und verfolgen, welche Bereiche zu welchem Zeitpunkt welche Aktivität zeigen. Eine fabelhafte Symbiose zweier Forschungsdisziplinen.

Zu guter letzt gibt es noch die so genannte Computerlinguistik. Diese ist einerseits nötig, um die Tools zu entwickeln, die von der Korpuslinguistik angewandt werden. Zum anderen ist sie aber auch essentiell beteiligt an Dingen, die wir alle tagtäglich benutzen. Jede Sprachsteuerung basiert auf ihr, jedes Übersetzungsprogramm, jede automatische Rechtschreib- und Grammatikkorrektur.

Wir sehen also, die Linguistik ist eine unglaublich interessantes und interdisziplinäres Forschungsgebiet mit eine wirklich breiten Anwendungsbereich, das sich von abstrakten Gedankenkonstrukten über soziologische Fragestellungen, von neuronalen und biochemischen Prozessen bis hin zu historischen Untersuchungen erstreckt. Daher finde ich folgendes Bild eigentlich nur passend:

I am a linguist. I solve problems you don't know you have in ways you can't understand.
Superpower linguistics (Quelle: https://teespring.com/en-GB/shop/linguist-pl?pid=401)

Quellen und weiterführende Literatur

  • Hoffmann, L. (Hrsg.) (2019). Sprachwissenschaft. Ein Reader. (4. Auflage). Berlin/New York: De Gruyter.
  • Müller, H. M. (Hrsg.) (2002). Arbeitsbuch Linguistik: eine Einführung in die Sprachwissenschaft . Paderborn München Wien Zürich: Ferdinand Schöningh.
  • Müller, H. M. (Hrsg.) (2009). Arbeitsbuch Linguistik: eine Einführung in die Sprachwissenschaft (2., überarbeitete und aktualisierte Auflage). Paderborn München Wien Zürich: Ferdinand Schöningh.
  • Volmert, J. (Hrsg.) (2005). Grundkurs Sprachwissenschaft: eine Einführung in die Sprachwissenschaft für Lehramtsstudiengänge (5., korrigierte und erg. Aufl). München: Fink.
  • Yule, G. (2016). The study of language (6th ed). Cambridge [England] ; New York: CambridgeUniversity Press.
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