Sprachtandem

Sprachtandem

Nachdem ich gerade zum zweiten Mal beim Bouldern meinen ehemaligen Niederländisch-Tandempartner getroffen habe und letztens auch mein Spanisch-Tandem zum Bouldern verschleppt habe, dachte ich mir, es ist endlich an der Zeit, entweder übers Bouldern oder über Tandems zu schreiben. Nachdem mir der rote Faden durch diesen Blog doch ein wenig am Herzen liegt, ist’s dann doch das Thema Sprachtandem geworden. Doch um den Sport nicht einfach links liegen zu lassen, habe ich mir folgende Anekdote ausgedacht:

Sprachenlernen ist wie Fahradfahren. Zumindest solange man ein Tandem hat
(pun intended)

Eine neue Sprache zu lernen hat zwei große Vorteile: man kann zum einen seinen Horizont fantastisch erweitern, indem man mit Menschen anderer Kulturkreise in Kontakt tritt. Zum anderen ist es einfach fabelhaft um damit anzugeben und sein Ego (und möglicherweise auch den Lebenslauf) ein bisschen aufzupolieren. Lassen wir aber mal diesen zweiten Aspekt beiseite und wenden uns dem kommunikativen Charakter des Sprachenlernens zu. Ich wage einmal zu behaupten, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Leute, die in einem Sprachkurs sitzen, dies tun, um irgendwann einmal die jeweilige Sprache auch anwenden zu können – sprich, die Sprache zu sprechen (wow, da habe ich den Wortstamm jetzt aber ausgereizt…). Interessanterweise haben aber viele auch genau davor Angst. In einer Sprache, die man gerade lernt, nach dem Weg zu fragen kostet manche ungefähr so viel Überwindung, wie jemandem vor versammeltem Publikum einen Heiratsantrag zu machen. Völlig unbegründet, meiner Meinung nach.

Aber tatsächlich: Anfang des Semesters fragte meine Spanisch-Lehrerin mal in die Runde, wer denn aller ein Tandem mache oder zumindest Erfahrungen damit habe. Und die, die sich angesprochen fühlten, waren klar in der Minderheit! Ich führe diese Angst vor dem Sprechen jetzt mal (in Birkenbihlscher Manier) dem Schulsystem in die Schuhe. Zumindest war es auch meine Erfahrung, dass dem tatsächlichen Sprechen einer Sprache relativ wenig Beachtung zukam, verglichen mit dem Lernen von Grammatikregeln und Vokabellisten. Auf der anderen Seite wurde allerdings vorausgesetzt, dass man die Laute und Lautstruktur der jeweiligen Fremdsprache dann aber gleich beherrschte, wenn man irgendwelche Wörter oder Dialoge vorlesen musste. 

Wie dem auch sei, ich will mich hier nicht über das Sprachenlernen in der Schule auskotzen, sondern ein bisschen darüber schreiben, wieso ich so gerne mit Sprachtandems „arbeite“. Grund Nr.1 für mich ist dabei gar nicht die jeweilige Sprache an sich, denke ich. Ich bin einfach ein sehr offener und kontaktfreudige Mensch und plauder gerne bei ner guten Tasse Kaffee über Gott und die Welt. Und nachdem man sich bei dem ganzen Sprachtandem Konzept ja mit wildfremden Leuten treffen muss, kann man eigentlich immer davon ausgehen, dass das Gegenüber genauso offen und kontaktfreudig ist. Grund Nr. 2 ist dann aber auf jeden Fall der Lerneffekt, denn mit einem guten Tandem geht echt was weiter! Hier ist aber auch gleich ein kleiner Haken. Denn wie groß der Lernerfolg im Endeffekt tatsächlich ist, hängt in hohem Maße vom Partner und auch der „Beziehungsdynamik“ sowie der Art des Tandems ab. Was ich damit meine?

  • Ein Sprachtandem ist eine zwischenmenschliche Beziehung. Und egal wie Hippie man ist, mit manchen Menschen ist man nunmal nicht auf der gleichen Wellenlänge. Wenn man sich mit so jemandem trifft, wird man schnell feststellen, dass beide Seiten recht wenig Spaß an der Sache haben und das Tandem bekommt rasch einen gewissen „Schulunterrichtscharakter“. So etwas ist schade, aber gehört nunmal dazu. Was natürlich auch seinen Teil beiträgt, ist der Lerntyp von einem selbst und seinem Partner, was uns zu dem Punkt „Beziehungsdynamik“ bringt.
  • Ich, zum Beispiel, bin der Typ, der gerne viel plaudert. Es gibt aber auch Menschen, die sich Dinge aufschreiben müssen oder es lesen wollen. Auf diese Unterschiede muss man natürlich eingehen. Sonst kann es passieren, dass man sich gut versteht, der Lernerfolg (zumindest für eine/n) aber auf der Strecke bleibt. Hierbei muss man ein gewissen Feingefühl entwickeln. Vor allem dann, wenn sich die Lerntypen unterscheiden und einer der beiden Partner eher der visuelle Typ ist. Denn natürlich ist es langfristig gesehen besser, sich manches aufzuschreiben, wenn man aber wirklich alles mitschreiben will, gerät irgendwann das Gespräch ins Stocken. Und das ist vor allem bei der Kennenlernphase schlecht.
  • Was ebenso zur „Beziehungsdynamik“ gehört, ist das Sprachniveau. Man kann natürlich versuchen, eine Sprache von Grund auf und ganz ohne Vorkenntnisse nur mittels Tandems zu lernen. Das ist ungemein ambitioniert und lobenswert. In so einem Fall braucht man aber auf jeden Fall ein Tandem, dessen Niveau in seiner Zielsprache schon relativ hoch ist. Andernfalls würde einem schlicht die Kommunikationsbasis fehlen, oder man müsste auf eine lingua franca, wie etwa Englisch, zurückgreifen. Durch unterschiedliche Sprachniveaus können auch gewisse Lehrer-Schüler-Dynamiken entstehen. Bei einem Arabisch-Tandem war es einmal so, dass es mehr Nachhilfeunterricht als Tandem war. Diese Tandempartnerschaft hat dann auch nicht sonderlich lange gehalten…
  • Mit Art des Tandems meine ich Präsenz- und Distanztandems. Bei einem Präsenztandem trifft man sich mit seinem Tandempartner persönlich. Man hat die Möglichkeit, gesprochene sowie geschriebene Sprache in gleichem Maße zu üben. Außerdem kann man so ein Tandem mit verschiedenen anderen Aktivitäten verbinden. Ich selbst war schon mit Tandems schwimmen, bouldern, im Museum, im Club, etc… Das bringt den Vorteil mit sich, dass man sich gemeinsam verschiedenen Situationen aussetzt, an welche man seine Sprache anpassen muss/kann. Bei Distanztandems sieht das ganze schon wieder ein wenig anders aus. Bei der klassischen Brief- (oder heutzutage email-)freundschaft fällt der persönliche Kontakt klarerweise weg. Dafür ist man aber zeitlich ungebundener und kann sich auch mehr Gedanken über das machen, was man schreibt. Gerade, wenn man noch an der Schule eine Sprache lernt, oder im Job Auslandsbeziehungen pflegt, ist diese Art von Tandem aber völlig ausreichend. Es gibt auch einige Tandem-Apps, die auf dem Prinzip aufbauen, das ganze mit Hilfe von Chatfunktionen aber etwas schnelllebiger gestalten. Wem eine Brieffreundschaft dann doch zu unpersönlich ist, der kann im Notfall immer noch ein Tandem über Skype versuchen. So kann man sich „persönlich“ kennenlernen und spontane, gesprochene Sprache trainieren. Nur bei den gemeinsamen Aktivitäten hört es sich dann halt auf.

So viel dazu, worauf man bei einem Sprachtandem achten sollte, aber wo findet man überhaupt eines? Hierzu wieder eine kleine Anekdote:

Mit Tandems ist es wie mit Schwammerln, wenn man weiß, wo man suchen muss, findet man welche.

Und diese Orte nennen sich Tandem- oder Sprachlernbörsen. Und sie tragen ihren Namen nicht umsonst, denn dort wird tatsächlich mit Sprachen gehandelt wie auf einem Marktplatz. Man gibt bekannt, was man bietet (im Normalfall die Muttersprache) und was man sucht und wenn der Markt gegeben ist, findet man schnell eine ganze Auswahl an potentiellen Tandempartnern. Folgend eine Liste der mir bekannten Tandembörsen:

Tandembörsen

tandempartners.org: 

tandempartners.org ist die mir größte bekannte Platform zum Finden von Tandempartnern. Die Auswahl an Sprachen ist echt groß und nicht minder umfangreich ist die Liste der vertretenen Städte. Die Platform bietet ein integriertes Nachrichtensystem an. Um das benutzen zu können, muss man sich allerdings registrieren. Sobald man registriert ist, kann man sein Profil erstellen. Dort kann man ein Foto posten, sein Alter angeben, seine bisherigen Sprachkenntnisse publik machen und ein bisschen was über sich schreiben. Zusätzlich zu seinem Profil kann man dann auch noch für die jeweilige/n Sprache/n, die man sucht, Anzeigen aufgeben. Wenn man intern kontaktiert wird, wird man von tandempartners.org per Mail benachrichtigt.

  • Pro: 
    • große Auswahl an Sprachen und Städten
    • Möglichkeit, ein Foto hoch zu laden
    • interne Kommunikation – man muss keine persönlichen Kontaktdaten an Fremde weitergeben
  • Kontra:
    • Registrierung vorausgesetzt
    • das interne Kommunikationssystem könnte ein bisschen benutzerfreundlicher sein. So kann man beispielsweise beim Verfassen einer Nachricht selbst nicht den Verlauf einsehen, was das ganze ein wenig umständlicher macht.

Sprachlernbörse des Sprachenzentrums der Uni Wien

Die Sprachlernbörse ist ein vom Sprachenzentrum der Uni Wien gebotener Service auf deren Website. Das Grundprinzip ist das gleiche wie auch bei tandempartners.org. Hier allerdings muss man sich nicht registrieren, muss dafür aber gleich seine e-Mail Adresse oder Handynummer im Inserat bekannt geben. Mich persönlich stört das nicht, aber ist vermutlich nicht jedermanns Sache. Außerdem kann man hier keine Bilder von sich hochladen oder ein Profil erstellen. Eine Auswahl an Städten gibt es nicht, da es sich ja um ein Service der Uni Wien handelt. Auch die Auswahl an voreingestellten Sprachen ist nicht so groß. Allerdings gibt es ein freies Textfeld, falls man sein Glück mit einer nicht aufgeführten Liste versuchen möchte. 

  • Pro:
    • Schneller, weil keine Registrierung, Einloggen oder interne Kommunikation nötig
    • relativ große Auswahl an voreingestellten Sprachen
    • Sprachniveau kann extra eingestellt werden (wobei nicht ganz klar ist, ob man sein eigenes, oder das des Partners auswählen soll…)
  • Kontra:
    • Keine Fotos und Profile
    • man muss seine Kontaktinformationen bekannt geben, auf die dann im Prinzip jeder Zugriff hat

Facebook

Auf Facebook haben sich mittlerweile auch schon zahlreiche Gruppen für das Finden von Tandempartnern gefunden. Hier wird einfach in die Gruppe gepostet, was man anbietet und was man sucht. Alles weitere macht man sich dann über die Kommentarfunktion oder über den Facebook-Chat aus. Folgend ein Screenshot mit fünf dieser Gruppen:

  • Pro:
    • Die Auswahl an Gruppen und potentiellen Partnern ist kaum zu überbieten
    • Durch die Profile kann man sich gleich ein ganz gutes Bild von den Personen machen
    • Die Chatfunktion auf Facebook ist benutzerfreundlicher als per Mail zu schreiben
    • Durch die Kommentarfunktion findet man oft auch gleich mehrere Personen mit den gleichen Sprachinteressen und kann zB auch Lerngruppen bilden
  • Kontra:
    • Man muss Facebook-Mitglied sein
    • Der Andrang ist oft so groß, dass man in der Menge untergeht, wenn man auf ein Posting reagieren möchte

Sprachlerngruppen und -veranstaltungen

Meetup

Meetup.com ist eine Platform, die primär auf das Kennenlernen neuer Leute ausgerichtet ist, um gemeinsam seinen Hobbys nachzugehen. Dort ist wirklich alles zu finden, vom gemeinsamen Weinverkosten über Zocken bis hin zum Sprachenlernen. Neben kleineren Gruppen gibt es auch Gruppen, die beispielsweise von Duolingo in größerem Rahmen veranstaltet werden. Da gibt es dann unter anderem große Spanisch- oder Französischcafés, die im Weltmuseum am Heldenplatz veranstaltet werden, oder einen Comedy Open Mic in English Abend, usw…

  • Pro:
    • Große Auswahl an Aktivitäten
    • Durch das Veranstalten in Gruppen kann man schnell viele Leute treffen
    • Die Veranstaltungen werden teilweise professionell organisiert
  • Kontra:
    • Die Auswahl an Sprachen, die ich bis jetzt gefunden habe, hält sich in Grenzen
    • Manche Veranstaltungen sind kostenpflichtig
    • Für manche Treffen muss man sich nochmal extra anmelden

Sprachencafés

Sprachencafés sind ein ausgezeichneter Ort, um seine Sprachkenntnisse ein wenig auf die Probe zu stellen. Im Normalfall gibt es zu jeder Sprache einen eigenen Tisch, an dem dann oft sämtliche Sprachniveaus vertreten sind. Das wohl größte Sprachencafé ist das Sprachencafé Station Wien. Dieses findet regelmäßig im Verein Station Wien am Einsiedlerplatz 5, 1050 Wien statt. Die angebotenen Sprachen variieren bei jedem Treffen und reichen von Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch bis hin zu Chinesisch, Kurdisch, Russisch und viele mehr. Im Durchschnitt werden pro Treffen vier bis sechs Sprachen angeboten.

Eine weitere „Organisation“, welche regelmäßige Sprachencafés veranstaltet, heißt Sprachencafé Wien. Auf ihrer Websites kann man nicht nur Sprachencafés und Tandempartner nach Bezirken geordnet suchen, sie bieten auch verschiedene (Links zu) Medien wie Radio, Videos, Zeitungen oder eine Chatfunktion an. 

Ein kleines Sprachencafé mit den Sprachen Spanisch, Italienisch und Englisch wird im Einkaufszentrum Q19, jeden dritten Mittwoch im Monat angeboten. Für die Hardliner unter uns mag das vielleicht ein kleines Angebot sein, aber zum Einstieg ist das doch sehr passend.

  • Pro:
    • Viele Gleichgesinnte an einem Ort
    • verschiedene Niveaus werden gemischt, so kann jeder profitieren
  • Kontra:
    • Bei manchen Sprachcafés werden nicht bei jedem Treffen die gleichen Sprachen angeboten
    • Manche finden nur recht selten statt

Fazit

In einer großen Stadt wie Wien ist es ziemlich einfach, seine Sprachkenntnisse auf Vordermann zu bringen (natürlich hängt das auch von der Sprache ab, Aymara oder Quechua konnte ich bis dato leider nicht finden…). Es gibt unzählige Möglichkeiten, entweder ein Sprachtandem oder aber gleich eine Lerngruppe zu finden. Und das kann sich lohnen.

Denn eine Sprache einfach durch’s Sprechen zu üben macht nicht nur Spaß, es holt auch gleich ein Maximum an Lernerfolg raus.

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