Rezension – Sprachenlernen leichtgemacht

Rezension – Sprachenlernen leichtgemacht

Die Idee, dieses Buch zu rezensieren, ist älter als die Idee zu diesem Blog selbst. Dieses Buch geht im Prinzip allem irgendwie voraus. Ich habe gerade nachgeschaut, wann ich es gekauft habe: 11.06.2014!

Tatsächlich habe ich dieses Buch länger, als ich Sprachwissenschaft studiere. Und hier ist der Punkt. Meine Studienwahl stand damals alles andere als fest. Da waren noch Psychologie, Romanistik, Transkulturelle Kommunikation, Publizistik und eben Linguistik. Ich meine, eine gewisse Richtung lies sich schon abzeichnen, ja, aber alle Türen standen für mich mehr oder weniger gleich weit offen. 
Im Endeffekt wurde es dann doch die Linguistik, worüber ich heilfroh bin! Und „Sprachenlernen leichtgemacht“ hat zu dieser Entscheidung einen wesentlichen Beitrag geleistet. Gott sei Dank sprang ich damals in kalte Wasser und hatte keine Ahnung, was Sprachwissenschaft macht. Denn hätte ich den Inhalt dieses Buches damals direkt mit dem verglichen, was man in der Sprachwissenschaft tatsächlich betreibt, würde ich heute womöglich etwas ganz anderes machen! 

Vera F. Birkenbihl und die Entstehung der „Birkenbihl-Methode“

Vera F. Birkenbihl († 2011, Gott hab sie selig) zählte sich zur Riege der Management- und MotivationstrainerInnen und ich würde so weit gehen, sie sogar als Pionierin zu bezeichnen. Sie befasste sich mit zahlreichen Themen, die sich hauptsächlich um Selbstoptimierung  und -management drehen und entwickelte die nach ihr selbst benannte „Birkenbihl-Methode“, die ein leichtes Sprachenlernen ganz ohne „Vokabelpauken“ verspricht. Durch ihr Werk zieht sich besonders der Begriff „gehirn-gerecht“, den sie Ende der 60er in Amerika („brain-friendly“) aufgriff und adaptierte.

Sie argumentierte stark in die Richtung gehend, dass das Sprachenlernen im Schulsystem wider jeder Intuition sei und auf einem System basiert, dass völlig veraltet ist und eigentlich aus seinem ursprünglichen Kontext gerissen wurde, nämlich dem, dass das Lernen von Vokabeln und grammatischen Regeln vor ungefähr 2500 in Indien als eine Art „Wort-Sudoku“ praktiziert wurde (sie zitiert hier Frederick Bodmers „Die Sprachen der Welt“). 
Vera F. Birkenbihl schreibt, dass sie ihr eigenes Verhalten reflektiert und das Verhalten von Erwachsenen und Kindern beim Fremdsprachenlernen beobachtet hat und aus den gewonnenen Erkenntnissen die die „Birkenbihl-Methode“ entwickelt hat. 

Inhalt

Das Buch „Sprachenlernen leichtgemacht – Die Birkenbihl-Methode Fremdsprachen zu lernen“ richtet sich sowohl an Lerner, die sich das Fremdsprachenlernen selbst ein erleichtern möchten, aber auch an Lehrer, die ein Herz für ihre Schüler haben und sie nicht unnötig quälen möchten. 

Grob kann das Buch in 5 Teile unterteilt werden:

–  Der Vergleich der „Birkenbihl-Methode“ mit dem konventionellen Schulunterricht
– Die Einführung in das Dekodieren
– Verschiedene Übungen zum Sprachenlernen (sowohl für Lernende als auch für Lehrer
– eine Art FAQ
– sogenannte Merkblätter, in denen auf verschiedene Aspekte nochmals vertieft eingegangen wird

Hauptsächlich werde ich mich hier mit dem Dekodieren beschäftigt, auf dem die „Birkenbihl-Methode“ aufbaut. Es wird euch schnell klar werden, wo da die Unterschiede zum Schulunterricht sind. Ein paar von den Übungen, die sie sich ausgedacht oder adaptiert hat, möchte ich auch vorstellen. 

Dekodieren und die „Birkenbihl-Methode“

Als Dekodieren bezeichnet Birkenbihl ganz einfach das wortwörtliche Übersetzen fremdsprachiger Texte in die Muttersprache. Das hört sich zunächst einmal seltsam an, ich konnte mir auch nichts genaues dazu vorstellen, als ich mich das erste mal damit befasst habe. Die Grundidee dahinter allerdings ist, meiner Meinung nach, fabelhaft! Und das sage ich als leidenschaftlicher Sprachwissenschaftler völlig bewusst und trotz der Tatsache, dass es kaum wissenschaftliche Überprüfungen und Belege gibt! Birkenbihl bemerkte, dass sie selbst, wie auch (ihre) Schüler dazu tendierten, Übersetzungen in ihre Muttersprache über die einzelnen Worte fremdsprachiger Texte zu schreiben, mit denen sie sich (gezwungenermaßen) beschäftigten. Während so ein Verhalten in der Schule getadelt würde, glaubte Birkenbihl, hier etwas größerem auf der Spur zu sein und ging das ganze systematisch an. 

Also: Dekodieren ist einfaches Wort-für-Wort-Übersetzen eines fremdsprachigen Textes in die eigene Muttersprache. Dies hat laut Birkenbihl (und meine Erfahrung kann das größtenteils bestätigen) mehrere Vorteile. Man befasst sich auf einer ganz anderen Ebene mit der Zielsprache und geht im Prinzip von der genau entgegengesetzten Richtung an die Sache ran. Anstatt Regeln und Vokabel auswendig zu lernen und später zu versuchen, sie richtig zu kombinieren, macht man sich eben diese Regeln in der eigenen Muttersprache sicht- und somit auch greifbar. In der Praxis entstehen so Sätze, die von einem korrekten Deutsch weit entfernt sind, aber die Satzstruktur der Zielsprache wunderbar aufdecken. Mit dem Vokabular befasst man sich beim Dekodieren quasi nebenbei und stets kontextgebunden (darauf, dass das nicht nur Segen, sondern auch Fluch sein kann, werde ich später noch zu sprechen kommen…). Hier ist mal ein Beispiel, wie das aussehen kann:

¿Cuántos    años     tienes?
  Wie viele  Jahre    hast (du)?

Welche Einsichten stecken nun in dem Dekodieren dieses kurzen Satzes?

– Ganz oberflächlich einmal, dass es eine erweiterte Zeichensetzung (¿) und andere Buchstaben/Diakritika (ñ, á) zu geben scheint.
– Im Spanischen ist man nicht x Jahre alt, man hat x Jahre.
– Es gibt ein einzelnes Fragewort um nach „wie viel“ zu fragen.
– Das Spanische ist eine sogenannte „Pro-Drop“-Sprache. Das heißt, dass die grammatische Person am Verb erkennbar ist und man das Pronomen weglassen kann (in dem Fall wäre es „tu“, also „Du“). 

Wir haben hier also nicht nur drei Wörter und einen neuen Buchstaben gelernt, sondern gleich einen idiomatischen Ausdruck, der sich stark vom Deutschen unterscheidet und darüber hinaus noch ein ganz grundlegendes Merkmal der Spanischen Grammatik, nämlich das Pro-Drop. Weitergedacht kann man dieses Wissen dann gleich noch einmal vervielfachen, wenn man sich vor Augen führt, dass die Frage nach dem Alter auch im Portugiesischen, Italienischen und Französischen mit „haben“ funktioniert und dass auch Portugiesisch und Italienisch Pro-Drop sind. 
Dieses Dekodieren kann man natürlich individuell anpassen. Als ich begonnen habe, mich mit Spanisch eingehender zu befassen, habe ich zum Beispiel auch Wortarten farblich markiert. Diese Farbcodes habe ich dann später dazu verwenden können, um zu testen, wie gut ich Wortarten erkennen kann, indem ich einfach die Wortarten markierte, noch bevor ich mich der Übersetzung widmete. Weiters unterscheidet Birkenbihl zwischen einem „milderen“ und einem „brutalerem“ Dekodieren. Dabei geht es darum, wie viel Deutsch man in die Dekodieren einfließen lässt. Man kann zum Beispiel „an old man“ als „ein alt Mann“ oder aber als „ein alter Mann“ dekodieren.

Beispiel einer Dekodieren mit Farbcodes 

Am obigen Beispielfoto sieht man, wie so eine Dekodierung mit Farbcodes bei mir aussehen kann. Meistens markiere ich Verben rot, Substantive und Pronomen blau, Adjektive und Adverbien grün und Artikel sowie Präpositionen (weil die oft miteinander verschmelzen) in einer anderen Fabre, hier ocker. Ich schreibe auch immer gerne mehrere Übersetzungen darüber, um das dahinterliegende semantische Konzept besser erfassen zu können. Zudem mache ich mir auch andere Anmerkungen, wie zum Beispiel, dass das Verb in der Vergangenheit ist, oder was Subjekt und was Objekt ist. Der Genauigkeit sind hier natürlich kaum Grenzen gesetzt. Genauso gut könnte ich bei dem Verb noch ergänzen: 3. Person, Singular, pretérito perfeito simples. 
Die Dekodierung zeigt nun also „Der Junge sah/blickte/erblickte/etc.. verwundert der Fremder“. Sinngemäß übersetzt wäre das also „Der Junge sah verwundert zum Fremden/ erblickte verwundert den Fremden/ blickte verwundert zum Fremden… Man sieht an diesem Beispiel auch gut, wie wichtig es ist, wirklich auch etwas umfangreichere Textteile zu dekodieren, da sich aus dem Kontext auch viel schließen lässt!

Das Dekodieren ist in der „Birkenbihl-Methode“ ein zentrales Instrument, nichts desto trotz aber nur einer von vier Schritten. Laut Birkenbihl dient das Dekodieren in erster Linie zum Verstehen der Wortbedeutung (meiner Meinung nach geht es aber über die Semantik hinaus und geht auf Syntax, Lexikon, Morphologie, etc… der Zielsprache genau so ein). Dem Dekodieren folgt zunächst aktives Hören der dekodierten Texte, dann passives Hören dergleichen. Zum Schluss übt man den aktiven Sprachgebrauch quasi in vitro mit Hilfe ihrer Lernaktivitäten oder eben in-vivo mit Muttersprachlern. Das aktive Hören besteht, wie der Name schon vermuten lässt, daraus, sich die Texte, die man zuvor dekodiert hat, zu Gemüte zu führen und ganz bewusst auf die Aussprache zu achten. Hierbei kann man auch schonmal mitlesen (sowohl das Original wie auch die Dekodierung). Das passive Hören kann im Prinzip überall nebenbei passieren, im Auto, beim Duschen, Kochen, Bügeln, oder beim Pendeln in die Arbeit. Birkenbihl behauptet, dies würde bewirken, dass sich im Gehirn die nötigen Nervenbahnen aufbauen, die später zur richtigen Aussprache benötigt würden. Sie zieht hier auch Parallelen zur Kindheit, in der man ja ebenfalls permanent passivem Hören der Muttersprache ausgesetzt war. Der vierte Schritt, wie schon erwähnt, ist dann das tatsächliche Anwenden der Sprache. 

Eine kleine Auswahl an Übungen

Birkenbihl’s Auswahl an Übungen für den vierten Schritt ihrer Methode erstreckt sich über rund 70 Seiten (nur für Lernende, für Lehrende sind es nochmal 11 Seiten!), weshalb ich hier nur ein paar wenige vorstellen möchte, die aber nichts desto weniger die Kreativität und den Umfang der „Birkenbihl-Methode“ veranschaulichen.

Bilder-Beschriften
Klingt eigentlich ganz trivial, tatsächlich ist es aber eine fabelhafte Methode, um sein Vokabular zu vertiefen und zu festigen. Diese Übung kann man darüber hinaus auch schon machen, bevor man Kenntnisse über Grammatik und Syntax erworben hat. Es ist interessant, dass dieses Prinzip des (ich nenne es mal) Bilder-assoziierten Vokabellernens beim Unterrichten von jungen Kindern eigentlich gang und gebe ist, ab einem gewissen Alter aber einfach abgeschafft wird. Jedes Kind lernt mit Hilfe von einem Referenzobjekt und dessen Labeling (zu Beginn verbal, später auch verschriftlicht in Form von Bilderbüchern zB) seine Muttersprache. Und irgendwann kommt ein Schnitt und die Pädagogik geht davon aus, dass es doch besser ist, Referenzobjekte abzuschaffen und eine Art Doppel-Labeling zu machen (Vokabel zu Vokabel). Das Bilder-Beschriften kann man ggf. später auch steigern, indem man das Labeling in einen Satz packt. 

Chorsprechen
Birkenbihl meint das tatsächlich wortwörtlich und legt nahe, mit anderen Lernenden das bearbeitete Material im Chor durchzusprechen. Das passiert manchmal im Schulunterricht, aber auch hier eher in der Volksschule und Unterstufe als später, was schade ist. Sie argumentiert, dass das synchrone Sprechen mit den Mitmenschen Spiegelneuronen aktiviere, die für Imitation und in dem Fall für die Imitation der Aussprache im Speziellen zuständig wären. Leider nennt sie hierzu keinerlei Quellen, man kann ihr diese Hypothese also abkaufen, oder auch nicht. In einem Niederländisch Kurs, den ich an der Uni belegt habe, haben wir am Anfang der Einheiten ein kurzes Audiofile vorgespielt bekommen. In dem File wurde immer ein Dialog als Pseudorap über einen leichten Beat gesprochen und nach jedem Satz war eine Pause, in der wir kollektiv das nachsprechen sollten, was wir zuvor gehört hatten. Ich kann sagen, dass es jedes Mal ein Heidenspaß war (nicht zuletzt wegen der amüsanten Aufarbeitung der Files) und dass ich immer noch manche Teile der Dialoge im Kopf habe. Als ich mich mit Spanisch befasste, habe ich haufenweise Liedertexte dekodiert und bin sie dann zur Musik durchgegangen (ich interpretiere das Mitsingen jetzt einmal als eine Subkategorie des Chorsprechens…). Auf die Art und Weise habe ich auf dem fünf-minütigem Weg vom Bahnhof nach Hause das flüssige Aussprechen vierstelliger Zahlen im Spanischen gelernt. Es spielte durch Zufall das Lied „1977“ von Ana Tijoux und ich habe einfach beim Refrain mitgesungen, bis das „mil novecientos setenta y siete“ komplett internalisiert war.

Lesen durch Schreiben
Birkenbihl behauptet (auf einen gewissen Dr. Reichen verweisend), dass das Lesen erst durch das Schreiben gelernt würde. Man müsse also Texte schreiben, um so seine Lesekompetenzen zu verbessern. Im Klartext bedeutet das, dass man jene Texte, die man dekodiert und deren Bedeutung man verstanden hat, einfach Abschreibt. Ich selbst mache das irrsinnig oft, wenn ich mich mit einer neuen Sprache befasse. Oft aber auch schon, bevor ich dekodiere (mit der Reihenfolge ihrer Methode bin ich nicht ganz d’accord, dazu aber später mehr). Also anstatt mir Texte einfach auszudrucken, schreibe ich sie ab. Dabei bleibt auch schon einiges hängen, wenn man den Fokus ein bisschen dabei hält und man nicht in Gedanken ganz wo anders ist und sozusagen „blind“ abschreibt. 

Kritikpunkte

Allgemeine Kritikpunkte

Wie schon erwähnt, laß ich das Buch 2014. Als ich den Blog startete und beschloss, dieses Buch vorzustellen, war einiges natürlich schon wieder in Vergessenheit geraten. Ich hatte durchwegs positive Erinnerungen daran und wollte es dementsprechend anpreisen. Natürlich ging ich es aber vorher nochmal durch, um alles wieder ein bisschen aufzufrischen und dabei fielen mir dann doch einige Dinge auf, auf die in einer gewissenhaften Rezension einfach eingegangen werden müssen. 

Ein Hauptkritikpunkt ist auf jeden Fall das Fehlen von Verweisen! Sie stellt viele Dinge, auf denen ihre Ansätze aufbauen, einfach als Fakt hin, ohne darauf zu verweisen, woher sie diese hat. Das ist zum einen schade, da es für die meisten Leser sicherlich auch von Interesse für weitergehende Recherche wäre. Aber viel gravierender ist noch, dass ich ihre Aussagen dadurch einfach nicht zu 100% ernst nehmen kann. Es bleibt immer bei einem „kann sein, oder eben auch nicht“. Sie schreibt beispielsweise über verschiedenste neuronale Vorgänge (z.B.: Neuromechanismus der Abstraktion, S.37), aber stellt keinerlei Informationen zur Verfügung, wie, wann und von wem diese entdeckt und beschrieben wurden. Das ist auf jeden Fall ein großes Manko!

Ein weiterer Punkt, der mir dann noch etwas gegen den Strich ging, war das eigentlich unaufhörliche Kritisieren des Schulsystems. Ich selbst hatte in der Schule auch so manche Probleme und bin sicherlich auch einer der letzten, der meint, in der Schule könne man Sprachen effizient lernen. Aber an manchen Stellen dachte ich mir einfach nur noch „stay focused girl, it’s ‚bout language-learning!“. Dieses Wettern gegen das Schulsystem zieht sich wirklich durch den ganzen inhaltlichen Teil des Buches (die Beschreibungen der Lernübungen blieben davon größtenteils verschont). Wie gesagt, ich bin ja prinzipiell der gleichen Meinung, aber ab einem gewissen Punkt wirkte es schon fast politisierend.

Kritik an der Birkenbihl-Methode

An der Birkenbihl-Methode in ihrer originalen Form habe ich auch etwas zu nörgeln. Ich finde die Reihenfolge, bzw. dass es überhaupt eine Reihenfolge gibt um ehrlich zu sein fragwürdig. Ich selbst habe ja große Teile meiner Spanischkenntnisse einer Adaption dieser Methode zu verdanken. Aber ich denke, hätte ich genau nach dem Originalplan gelernt, wäre das nicht so rasch gegangen. Ich weiß nicht, wie es bei anderen ist, aber ich schaffe es nicht, diese leise Stimme in meinem Kopf auszuschalten, die quasi all das spricht, was ich lese. Wenn es sich dann um eine Fremdsprache mit einer anderen Orthographie und anderen Lauten handelt, dann lese ich gezwungenermaßen alles so, als wäre es Deutsch. Ich persönlich kann das nicht ausschalten. Also zuerst zu dekodieren und sich dann erst mit der Aussprache zu befassen, halte ich für seltsam. Ich selbst habe die Reihenfolge einfach aufgehoben und sozusagen synchronisiert. Ich höre ein Lied oder Hörbuch, dekodiere den Text und versuche mit der Audiodatei mitzusprechen. Auf diese Art und Weise hat es mit dem Spanischlernen prima geklappt! 

Als ich mich in letzter Zeit allerdings mit Bosnisch beschäftigt habe, bin ich mit dem dekodieren leider teilweise an meine Grenzen gestoßen. Spanisch ist ziemlich einfach zu dekodieren, weil es eigentlich keine Fälle gibt, die Substantive „biegen“. Da muss man sich nur mit dem Plural, der im Spanischen ja ziemlich einfach ist, herumschlagen. Sobald man aber, wie im Bosnischen, starke „Verzerrungen“ durch Fälle hat (idF gleich sieben…), sieht die Sache schon wieder anders aus. Mir ist es etliche Male passiert, dass die Wurzel eines Wortes in meinem Material recht anders ausgesehen hat, als die deklinierte Form. So ein Wort dann zu suchen ist dann schon tricky. 

Und was man auch bedenken muss, ist, dass das Dekodieren keinesfalls so schnell geht, wie oft angedeutet. Schritt 3, das passive Hören, geht im wahrsten Sinne des Wortes ganz nebenbei. Für das Dekodieren aber muss man sich Zeit nehmen, sich hinsetzen mit Wörterbuch und Konjugationstabellen (oder einfach mit einem internetfähigen Gerät..) und suchen. Und glaubt mir, diese Suchen können, je nach Ausgangs- und Zielsprache recht zeitraubend werden! 

Noch eine Stufe aufwendiger wird der ganze Spaß dann, wenn man sich wirklich an Sprachen wagt, die eine andere Schrift verwenden, wie etwa Arabisch, Japanisch oder Chinesisch. Im Falle von Arabisch ist es sogar noch ziemlich machbar, da es sich auch um ein alphabetisches Schriftsystem handelt. Man kann also Wörter im Wörterbuch nach Anfangsbuchstaben sortieren und suchen. Bei Japanisch kommt es darauf an, ob der Text, den man dekodieren möchte, in Hiragana und Katakana geschrieben ist, oder in Kanji. Hiragana und Katakana sind so genannte Silbenschriften, also ein Zeichen entspricht nicht einem Laut, sonder einer Silbe (z.B.: ま →  /ma/). In dem Fall wäre es also, ähnlich wie bei Alphabetsystemen, auch noch recht einfach, Wörter im Wörterbuch zu finden. Handelt es sich allerdings um logografische Schriftsysteme wie das japanische Kanji oder das chinesische Schriftsystem, dann hat man da schon ein ordentliches Problem. Wenn man dann noch versucht, zu dekodieren, bevor man die lautlichen Entsprechungen der Zeichen kennt, dann ist es mir gänzlich rätselhaft, wie man zurechtkommen soll. Wie genau sie selbst diese drei Sprachen gemeistert hat, darauf geht sie leider nur, meiner Meinung nach, ungenügend ein. Sie erwähnte aber öfters mal, dass sie durchaus Hilfe von Lehrern oder Muttersprachlern hatte. 

Fazit

Auch wenn meine Kritik jetzt etwas umfangreich ausgefallen ist, kann und möchte ich das Buch „Sprachenlernen leichtgemacht!“ dennoch wärmstens Empfehlen. Es bietet interessante Einblicke in das kritische Hinterfragen von etablierten Systemen, wie in diesem Fall das Sprachenlernen im Schulsystem, und zeigt so einige kreative Alternativen zum mühseligen Sprachlernprozess aus Schul- und Kursalltag auf. Bei einigen der vorgestellten Übungen wird man sich zunächst denken: „ernsthaft, so etwas habe ich damals im Kindergarten gemacht?!“, um im darauffolgenden Moment die tiefgehende Erkenntnis zu erlangen, dass die kindliche Intuition meist doch um einiges mehr Weitblick hat, als das oft zu Tode gedachte Bildungssystem. 

Wie schon beschrieben, würde ich die Birkenbihl-Methode nicht in ihrer Originalform anwenden, sondern die vier chronologischen Schritte synchron durchlaufen. Zumindest bei mir funktioniert das ganz wunderbar!

Aber dennoch sei das Buch mit einer gewissen Vorsicht zu genießen! Es handelt sich nicht um ein (sprach-)wissenschaftlich fundiertes Werk. Viele Annahmen sind (wenn auch sicherlich gut recherchiert, ich halte Vera F. Birkenbihl nach wie vor für eine ausgesprochen kompetente Frau) irgendwie aus der Luft gegriffen, oder wirken zumindest so, weil es einfach stark an Quellenangaben mangelt. 

Für Sprachenthusiasten und Hobbysprachlerner kann ich das Buch also mit bestem Wissen und Gewissen empfehlen und ich selbst werde für meine verschiedenen Sprachlernprojekte auch sicher noch das ein oder andere Mal reinschauen. 
Wenn man sich allerdings streng sprachwissenschaftlich mit dem Buch auseinandersetzen will, dann maximal, um ihre Thesen in tatsächlichen Experimenten zu testen. Wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse konnte ich zumindest keine aus dem Buch ziehen.


„Sprachenlernen leichtgemacht! – Die Birkenbihl-Methode Fremdsprachen zu lernen“, verfasst von Vera F. Birkenbihl, erschien in der 36. Auflage 2014 im mvg Verlag.

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