/ai pi ei/ – IPA

/ai pi ei/ – IPA

Manch einer mag sich schon gefragt haben, 1.) was diese seltsamen Buchstaben neben den Wörtern in Wörterbüchern denn zu bedeuten haben und 2.) wer die überhaupt lesen kann. Diese Fragen kann ich kurz und knackig beantworten: 1.) es handelt sich dabei um eine international standardisierte Lautschrift. 2.) Linguisten.

So abschreckend diese Symbole auf den ersten Blick auch sein mögen, so fabelhaft ist die dahinterstehende Idee! Jeder, der schonmal das Vergnügen hatte, eine Fremdsprache zu lernen, hat auch schonmal bemerkt, dass die Buchstaben vielleicht gleich ausschauen mögen, aber oft ganz anders ausgesprochen werden. Das IPA-Lautschriftsystem umgeht dieses Problem elegant und charmant, indem es sich ganz genau anschaut, wo und wie ein Laut produziert wird und so jedem erdenklichen Laut ein eindeutiges Symbol zuweist. Damit kann das so genannte Lautinventar einer Sprache eindeutig festgehalten werden und der enthusiastische Sprachenlerner kann die Aussprache seiner Zielsprache sogar unter den schlimmsten Bedingungen – der totalen Deprivation von Audiomaterial bedingt durch einen leeren Handyakku – lernen. Wunderbar!
Ich gebe zu, auf den ersten Blick wirkt das ganze recht einschüchternd. Neben den unzähligen Symbolen muss man auch wissen, was die Bezeichnungen für Artikulationsort und -art bedeuten, um sich einen Reim darauf machen zu können. Doch verzweifelt nicht! Ich werde mein bestes geben, um euch die Wunder der Lautschrift so zuzubereiten wie eine smoothe Piña Colada, die ihr lässig an einem heißen Sommertag durch einen Strohhalm schlürft. Und wenn ihr fertig seid, habt ihr nicht nur einen angenehmen Schwips, sondern auch noch ein gratis Schirmchen und eine Cocktailkirsche zu snacken. Aber zurück zum Thema.

Was ist die IPA?

IPA ist (neben vielen, vielen anderen – Wikipedia nennt 21 Begriffe, die mit IPA abgekürzt werden) die Abkürzung für „International Phonetic Alphabet“ sowie für „International Phonetik Association“, jener Organisation, die sich das IPA-Lautschriftsystem Ende des 19. Jhds hat einfallen lassen. Naja gut, die von der IPA waren nicht die ersten, die den Traum einer einheitlichen Lautschrift hatten. Schon weit früher, im 17. Jhd., träumten europäische Gelehrte unterschiedlichster Disziplinen davon, ein Alphabet zu schaffen, mit dem sich jede Sprache in Bezug auf deren Aussprache beschreiben ließe. Doch erst die IPA schaffte es, ein solches Zeichensystem derart salonfähig zu machen, dass wir heute alle herzhaft über folgendes Meme lachen können:

Quelle dieses famosen Wortspiels: https://allthingslinguistic.com/post/167749514172/which-beer-would-you-like-ipa-please-wɪtʃ-biə

IPA in der Praxis

So weit so gut, so viel zum Thema Geschichte und Begriffserklärung (klar, da könnte man ganze Dissertationen darüber verfassen, aber für unsere Zwecke reicht’s vorerst). Wie sieht das ganze also in der Praxis aus? Um sich dieser Frage zu nähern, muss ich euch ins kalte Wasser schmeißen und euch einfach mal das komplette IPA-chart an den Kopf ballern. Auch auf die Gefahr hin, dass es euch so traumarisiert, dass ihr die Linguistik und das Sprachenlernen an den Nagel hängt und stattdessen BWL studiert…

Vielen Dank an die IPA, die dieses Chart frei zugänglich auf deren Website (https://www.internationalphoneticassociation.org/content/full-ipa-chart#ipachartpng) zur Verfügung stellt! 

Es ist ja allseits bekannt, dass der erste Eindruck zählt. Es ist also nachvollziehbar, dass Liebe auf den ersten Blick mit dieser Tabelle nicht ist. Aber bedenkt bitte, dass 1.) Schönheit im Auge des Betrachters liegt und 2.) es bei „Die Schöne und das Biest“ ja letzten Endes auch geklappt hat!

Für den sanften Einstieg in die Lautschrift liefern die erste Tabelle und die rechts darunter genügend Tools, um sich eine gute Orientierung in vielen Sprachen zu verschaffen. Die große Tabelle am Anfang beschreibt Konsonanten, die zweite widmet sich Vokalen. Widmen wir uns zunächst den Konsonanten

Konsonanten

Quelle: https://www.internationalphoneticassociation.org/content/full-ipa-chart#ipachartpng

Hier gibt es nun drei grundlegende Dinge, um das ganze verstehen zu können: den Ort der Artikulation (beschrieben in der obersten Zeile), die Art der Artikulation (beschrieben in der linken Spalte) und die Stimmhaftigkeit (überall dort der Fall, wo zwei Symbole in einem Feld angeführt sind). Wie schon erwähnt, beschreibt jedes Symbol einen Laut und das, was den Laut zu dem Laut macht, der er nun mal ist, sind eben diese drei Faktoren. Schauen wir uns einmal die Artikulationsstellen an. Sie beschreiben, wo im Atrikulationstrakt der Luftstrom so manipuliert wird, dass im Endeffekt der jeweilige Laut entsteht. Die Begriffe kommen aus dem Lateinischen und sind im Prinzip eine anatomische Beschreibung der Mund- und Nasenhöhle und der Luftröhre. Aber anstatt euch den ganzen Spaß zu beschreiben, habe ich euch diese nette Grafik aus dem Internet gefischt, die das ganze viel besser veranschaulicht, als ich es jemals in Worte fassen könnte:

Copyright © 2018 – The Mimic Method (https://www.mimicmethod.com/ft101/place-of-articulation/

Also wenn wir zum Beispiel die beiden Lippen zusammenpressen und mit einem Mal die Luft entweichen und dabei die Stimmlippen „flattern“ lassen, dann haben wir ein /b/, also einen bilabialen, stimmhaften Plosiv. Wenn wir die äußeren Ränder der Zunge ein Stückchen hinter dem Alveolarkamm anlegen, die Luft über die Zunge gleiten lassen und die Stimmlippen dabei entspannt lassen, dann kommt dabei ein postalveolarer, stimmloser Frikativ (Reibelaut) heraus. Und da wären wir auch gleich bei der Art der Artikulation. Das sind die Begriffe in der linken Spalte: Plosiv, Nasal, Trill, Tap oder Flap, Frikativ, lateraler Frikativ, Approximant und lateraler Approximant. Die wirken auf den ersten Blick genau so abschreckend, wie die Artikulationsorte. Mit dem kleinen Unterschied, dass man für die Artikulationsarten leider nicht wirklich eine Grafik erstellen kann. Da hilft dann nur noch (auswendig-)lernen und verinnerlichen.

  • Plosiv: an dem jeweiligen Artikulationsort wird eine Art Barrikade mit den Lippen oder der Zunge errichtet, an der sich der Luftstrom staut und mit einem mal gelöst. Ich habe mir da immer die Eselsbrücke gebastelt, dass das Lösen wie eine kleine „Explosion“, also (ex-)plosiv ist.
  • Nasal: hier ist der Name Programm. Der Luftstrom kann nicht über den Mundraum entweichen und muss auf die Nasenhöhle ausweichen. Probiert’s aus, macht ein /m/ und haltet euch die Hand vor die Nase.
  • Trill: denkt hierbei an eine Trillerpfeife. Da ist eine kleine Kugel im Gehäuse, die während des Pfeifens oft und schnell gegen das Gehäuse schlägt. Bei einem Trill ist es das gleiche nur mit den Lippen (/B/) oder mit der Zunge (/r/, /ʀ/). 
  • Tap/Flap: beim Tap/Flap handelt es sich um ein einmaliges Schlagen der Zunge gegen den Artikulationsort. 
  • Frikativ: wie oben schon erwähnt, handelt es sich beim Frikativ um einen Reibelaut. Der Luftstrom fließt am Artikulationsort vorbei und reibt quasi daran. Bei einem /f/ zum Beispiel fließt die Luft zwischen den Zähnen vorbei, bei einem /ch/ liegen die Ränder der Zunge am Velum Palatium an und die Luft fließt über die Zunge (Anmerkung, das /ch/ ist in der Tabelle ein [x], zu den Klammern komme ich noch). 
  • lateraler Frikativ: es ist immer noch ein Frikativ, die Luft fließt allerdings nicht gerade über die Zunge drüber, sondern an den Seiten vorbei. 
  • Approximant: bei Approximanten wird der Luftstrom nicht ganz so sehr „gestört“, wie bei Frikativen, Trills, etc… Der Luftstrom kann also relativ ungehindert fließen. Im Deutschen ist zum Beispiel das /j/ ein prominenter Vertreter, im Englischen das /ɹ/.
  • lateraler Approximant: hier hat es mit dem „lateral“ wieder das gleiche auf sich, wie bei den lateralen Frikativen. Die Luft muss also seitlich an der Zunge vorbeifließen. Das Deutsche /l/ demonstriert das wunderbar. Die Zungenspitze liegt am Alveolarfortsatz an und die Luft fließt locker lässig daran vorbei. 
  • Kleine Anmerkung zum Unterschied von Frikativen und Approximanten: Der scharfe Geist hat es sicher schon selbst bemerkt. Aber denen, die (so wie ich in meinen Anfängen) die Sache lieber langsamer angehen sei folgender Tipp gegeben: sämtliche Frikative können stimmhaft sowie stimmlos produziert werden. Wenn man aber versucht, einen Approximanten stimmlos zu produzieren, kommt dabei nichts als ein leises Hauchen dabei raus.

Nun denn, Kameraden, wir haben die Hälfte des Weges bereits hinter uns. Auf auf, es wird Zeit, sich den Vokalen zu stellen! 

Vokale

An dieser Stelle wissen wir schon, wie das mit den Konsonanten in der IPA-Tabelle funktioniert und es ist offensichtlich, dass Konsonanten und Vokale irgendwie unterschiedliche Dinge sind. Für die Beschreibung von Vokalen stellt uns die IPA folgende Tabelle zur Verfügung:

Der Hauptunterschied zwischen Vokalen und Konsonanten besteht darin, dass bei Vokalen die Luft komplett ungehindert den Artikulationstrakt passieren kann. Was genau jetzt „komplett ungehindert“ bedeutet, ist ein bisschen Haarspalterei, weshalb ich auch schonmal Meinungen gehört habe, die dem /j/ zum Beispiel einen Vokalstatus zuschreiben. Auf Wikipedia wird das /j/ als Halbvokal bezeichnet. Aber wenn man sich ehrlich ist, ist ein /j/ doch nicht so ganz das gleiche wie ein /a/ oder ein /e/. 

So weit so gut. Zurück zu den Vokalen im IPA. Diese Tabelle stellt im Prinzip die Mundhöhle dar. Horizontal ist die Position der Zunge dargestellt. Diese liegt beim Produzieren von Vokalen an und für sich locker rum und hat nicht sonderlich viel zu tun, verglichen mit Frikativen oder Trills, beispielsweise. Aber wo sie im Mund gerade rumhängt beeinflusst nichts desto trotz, welcher Vokal es im Endeffekt wird. Vertikal ist die Offenheit bzw. die Geschlossenheit der Lippen dargestellt. Natürlich werden die Lippen niemals ganz geschlossen, da es sich sonst nicht mehr um einen Vokal handeln würde, sondern um einen Nasal oder Plosiv. Dennoch spielt es eine Rolle, wie weit die Lippen geöffnet sind. Zu guter letzt findet sich unter der Tabelle die Anmerkung, dass, in den Fällen, in denen zwei Symbole existieren, das rechte davon einen gerundeten Vokal repräsentiert.  Das bedeutet, dass es weiters eine Rolle spielt, ob die Lippen flach oder rund geöffnet sind. 
So, das war jetzt ein ganzer Haufen Theorie, am besten ist es, die Vokale einfach auszuprobieren und genau darauf zu achten, was sich verändert. Wenn man also ein /i/ produziert und dabei langsam die Lippen öffnet, so wird das /i/ bald zu einem /e/ und schließlich zu einem /a/ (natürlich liegen da noch ein paar Vokale dazwischen). Wenn man bei einem /e/ startet, und langsam die Zunge nach hinten schiebt, wird das /e/ zu einem /o/. Das ist eine ganz lustige Spielerei. Allerdings eher empfehlenswert, wenn man alleine oder am Institut für Linguistik ist. In der Straßenbahn könnte das ein bisschen komisch kommen…. Für all jene, die sich die Blöße des phonetischen Herumprobierens nicht geben will, der kann sich auch interaktive IPA Tabellen im Internet suchen, bei denen man die einzelnen Laute anhören kann. Weiter untern stelle ich euch noch eine Sammlung von nützlichen Links und Literaturtips zur Verfügung.

Der Spaß mit den Klammern

Die Sache mit den Klammern ist die, dass man zwischen einer phonetischen und einer phonologischen Transkription von Wörtern unterscheidet, wobei die phonetische Transkription in eckigen Klammern dargestellt wird und die phonologische im Schrägstrichen. Der Unterschied zwischen Phonetik und Phonologie verdient sich auf jeden Fall einen eigenen Blogeintrag, was die Klammern betrifft, kann ich hier aber schonmal einen Vorgeschmack geben.

  • phonetische Transkription […]: bei der phonetischen Transkription geht es darum, jeden produzierten Laut ganz genau zu bestimmen. Das wendet man an, wenn man zum Beispiel das Deutsch von  Sprechern verschiedener Varietäten vergleichen möchte. Dabei kann es sich um das Deutsch in verschiedenen Regionen, genau so wie in verschiedenen Gesellschaftsschichten, etc… handeln. Und um das kenntlich zu machen, verwendet man eckige Klammern. Während ich das Wort „grün“ also eher so ausspreche: [gʁyːn], würden Max Raabe oder Till Lindemann es vermutlich eher so singen [gryːn].
  • phonologische Transkription /…/: hierbei wird es, blöd gesagt, mit der Genauigkeit nicht ganz so ernst genommen. Die Sache ist die: in jeder Sprache gibt es Laute, die man durch andere ersetzen kann, ohne dabei die Bedeutung eines Wortes bzw. dessen Verständlichkeit zu verändern. Bei dem obigen Beispiel mit „grün“ sind es eben die verschiedenen /r/-Laute. Ich kann das Wort „grün“ also phonologisch als /grün/ transkribieren und es ist einigermaßen klar, was gemeint ist. Es macht keinen Unterschied, ob ich ein [ʁ] oder ein [r] spreche, oder ob ich das /ü/ ein wenig gerundeter oder etwas weiter hinten artikuliere. Ein anderes Beispiel, dass das ganze vielleicht ein bisschen besser veranschaulicht, ist das Wort „Schach“. Der Laut /sch/ wird phonetisch als [ʃ] dargestellt und das /ch/ je nach vorangegangenen Vokal als [ç] oder [x]. Phonetisch transkribiert wäre das also [ʃax]. Weil es aber in der Orthographie so festgelegt ist, dass man [ʃ] als „sch“ verschriftlicht und dass „ch“ die Bedeutung nicht ändert, wenn man es als [ç] oder [x] ausspricht, ist ganz klar, was mit /schach/ gemeint ist. (Und für die Nerds unter euch: Laute, die bedeutungsunterscheidend sind, nennt man Phoneme. Zum Beispiel /rad/ und /bad/. Laute, die einfach nur Varianten eines Phonems darstellen und keine bedeutungsunterscheidenden Eigenschaften haben, nennt man Allophone. Zum Beispiel eben [r] und [ʁ] im Deutschen. 

Ich weiß. Das war jetzt recht viel auf einmal, aber um das IPA zu erklären, muss man eben zumindest die hier genannten Punkte auf einmal durchmachen, damit das ganze auch ein schönes Gesamtbild ergibt. Andernfalls hat man nur Puzzleteile, die man sich erst recht wieder alleine zusammen setzen muss. Ich hoffe trotzdem, dass ihr mir nach diesem Eintrag nicht den Rücken kehrt!
Und abschließend gibt’s noch ein paar Links, auf die ich während meiner Recherche gestoßen bin und ein paar Bücher, für all jene, die es dann doch begeistern konnte!


Links

Quellen und weiterführende Literatur

  • Ladefoged, P. & Johnson, K. (2011). A Course in Phonetics (6. Edition). Boston: Wadsworth Cengage Learning.
  • Müller, H. M. (2009). Arbeitsbuch Linguistik: eine Einführung in die Sprachwissenschaft (2., überarbeitete und aktualisierte Auflage). Paderborn München Wien Zürich: Ferdinand Schöningh.
  • Volmert, J. (Hrsg.). (2005). Grundkurs Sprachwissenschaft: eine Einführung in die Sprachwissenschaft für Lehramtsstudiengänge (5., korrigierte und erg. Aufl). München: Fink.
  • Yule, G. (1996). The study of language (2nd ed). Cambridge [England] ; New York: CambridgeUniversity Press.
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